Denkmal?

Beim Kauf des Deutschlandhauses 2014 hat die neue Eigentümerin ABG in ihrer Pressemitteilung noch stolz verkündet, dass es sich um eine „markante“, „traditionsreiche“ Immobilie mit „städtebaulich eindrucksvoller Architektur“ handelt, die erst 2006 vollständig renoviert und beim Kauf voll vermietet übernommen wurde (ABG: ABG kauft Deutschlandhaus in Hamburg).

Da stellt sich die Frage, warum nur drei Jahre später Abriss und Neubebauung wirtschaftlich geboten sein sollten (die Pläne wurden im Sommer 2017 bekannt), statt den Altbau zu sanieren und die „städtebaulich eindrucksvolle Architektur“ zu erhalten.

Auf unsere Anfrage beim Denkmalschutzamt, warum die Stadt Hamburg hier nicht schützend eingreift, bekamen wir folgende Antwort:

—–Original-Nachricht—–
Betreff: WG: Deutschlandhaus
Datum: 2017-11-28T14:55:34+0100

Sehr geehrter Herr König,

haben Sie vielen Dank für Ihr Engagement in dieser Sache und Ihre Schreiben, die zu beantworten die Senatskanzlei und Herr Kellner mich gebeten haben.
Ganz ohne Zweifel war das Deutschlandhaus ein für Hamburg und darüber hinaus hoch bedeutsames Gebäude, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Es gehörte zu den hier vergleichsweise seltenen Bauten, die sich formal stark ausgeprägt am Neuen Bauen orientierten, entsprach auch in seiner Konzeption und Nutzung (u.a. das seinerzeit größte Kino Europas und ein Automatenrestaurant) den modernsten Ansprüchen und prägte die Eckansicht vom Gänsemarkt zum Dammtor und Valentinskamp. Nicht zuletzt handelte es sich um den wichtigsten Bau der renommierten Architekten Fritz Block und Ernst Hochfeld, die beide später als Juden entrechtet, verfolgt und ins Exil getrieben wurden.
Wenngleich also die ursprüngliche Bedeutung völlig außer Frage steht, muss man unter der Maßgabe des Denkmalschutzgesetzes und der dazu entwickelten Rechtsprechung auch betrachten, was von diesem Gebäude heute noch vorhanden ist. Dabei ist es selbstverständlich nicht nötig, dass ein Denkmal völlig unverändert überkommen ist; welches ältere Gebäude wäre das schon? Beim Deutschlandhaus jedoch wurde nicht nur das Kino, das einen ganzen Gebäudeflügel einnahm, im Krieg zerstört und wurden in der Nachkriegszeit durch neue Nutzungen Veränderungen vorgenommen. Vielmehr führten vor allem die Maßnahmen zwischen 1978 und 1983 dazu, dass man heute von einem weitgehenden Neubau sprechen muss. So wurden unter anderem ein neuer Flügel und eine Aufstockung hinzugefügt, das Gebäude zum Hof hin rundum erweitert, die innere Erschließung vollständig verändert und die Fassade durch ein neues, überwiegend unpassendes Material ersetzt; kleinere Abweichungen sind hier noch nicht einmal berücksichtigt.
Insofern ist auch ein Vergleich mit der Speicherstadt nicht angemessen, denn einerseits ist die Bedeutung dieses Ensembles deutlich höher anzusetzen, was sich in der Beimessung eines „außergewöhnlichen universellen Werts“ durch das UNESCO-Welterbekomitee spiegelt, andererseits sind die Störungen des Ensembles insgesamt deutlich geringer als beim Deutschlandhaus, von dem außer Teilen des Gerüsts nichts erhalten blieb.
So sehr ich auch bedauere, dass das einstmals so bedeutende Deutschlandhaus nicht mehr existiert, und so sehr ich mir den weiteren Bestand des Nachbaus wenigstens als Erinnerung an den Bau von 1929/30 wünschen würde, sehen wir im Denkmalschutzgesetz keine Möglichkeit, den Erhalt des Nachbaus durchzusetzen.

Mit freundlichen Grüßen
Stefan Kleineschulte


Freie und Hansestadt Hamburg
Behörde für Kultur und Medien
Denkmalschutzamt – Referat Denkmalkunde
Dr. Stefan Kleineschulte

—–Ursprüngliche Nachricht—–
Von: Matthias König
An: Kellner, Andreas
Betreff: Deutschlandhaus

Sehr geehrter Herr Kellner,
nun ein zweiter Versuch von Ihnen eine Stellungnahme zum Abriss des „Deutschlandhaus“ zu erhalten.

Für mich ist das Deutschlandhaus eines der wichtigsten überlebenden Gebäude der „positiven“ Jahre der Weimarer Republik.
Die Wichtigkeit ergibt sich auch aus dem Gegensatz zu den Gebäuden im Kontorhausviertel, die eine andere Tradition und einen anderen Ansatz verfolgen. Wird das Deutschlandhaus abgerissen, ist die Gegenüberstellung nicht mehr möglich.
Das Deutschlandhaus hat mehr als deutliche Bezüge zu den Schnelldampfern der 20er, zum Beispiel die „SS Europa“ die nur wenige Kilometer entfernt zeitgleich entstand.
Zudem gibt es in Deutschland nur noch wenige Beispiele dieser „Stromlinen-Architektur“ – in Berlin noch das Shellhaus*, Schaubühne* und Chemnitz das Kaufhaus Schocken – oder kennen Sie noch mehr?

Ich kenne das Argument, dass Deutschlandhaus sei kein Denkmal, da nicht „Original“. Die Speicherstadt ist in wesentlichen Teilen auch nicht „Original“, weder in der Bausubstanz, noch in der aktuellen Ausformung vieler Gebäude. Und trotzdem wurde es von Ihnen als „Weltkulturerbe“ vorgeschlagen.
Entweder waren die Kapazität der Denkmalpflege in Hamburg damit ausgelastet, es wird mit zweierlei Maß gemessen oder irgendjemand hat etwas gegen das Deutschlandhaus.

Leider kann ich mich des persönlichen Eindruckes nicht erwehren, dass in Hamburg die Interessen der Immobilienwirtschaft höher bewertet werden, als der Wunsch der Bürger, nach einer menschlichen, geschichtsträchtigen und lebenswerten Stadt.

Deshalb würde ich mir wünschen, dass die Denkmalpflege wirklich alles dafür tut, gebaute Geschichte zu erhalten, Hamburg Hamburg bleiben zu lassen und nicht zur gesichtslosen Stadt der Immobilienspekulation. Dies bedeutet im aktuellen Fall, dass das Deutschlandhaus erhalten werden muss.

Mit freundlichen Grüßen
Matthias König

*Auch dieses Gebäude ist im Krieg ausgebrannt, steht aber unter Denkmalschutz.

Auch der Denkmalrat Hamburg bedauert den Abriss und rügt das intransparente Verfahren in seinem Beschluss vom 17.01.2018.